Im Machen begreifen
Mit dem gemeinsamen Entwurf begann eine zweite Phase des Projekts. Die Studierenden organisierten sich in interessenbasierten Gruppen und übernahmen Verantwortung für Werk- und Ausführungsplanung, Material, Fertigung, Logistik und Aufbau. Aus der zuvor gemeinsam entwickelten architektonischen Idee wurden konkrete Bauteile, Verbindungen, Maße und Abläufe. Im Maßstab 1:1 veränderte sich die Bedeutung der Zeichnung grundlegend.
→ Was im Plan als präzise Linie erscheint, wird beim Bauen zu Materialstärke, Gewicht, Fügung, Toleranz und tatsächlicher Dimension. Entscheidungen, die zuvor abstrakt getroffen wurden, mussten sich nun konstruktiv und räumlich bewähren.
AUS LINIEN WERDEN DIMENSION, FÜGUNG UND TOLERANZ.
Gerade dieser Wechsel vom Zeichnen zum Herstellen war ein wesentlicher Bestandteil des Lernprozesses. Proportionen wurden körperlich erfahrbar, Materialeigenschaften unmittelbar spürbar und konstruktive Zusammenhänge nachvollziehbar. Gleichzeitig wurde sichtbar, welche Konsequenzen selbst kleine planerische Entscheidungen im gebauten Maßstab haben. Nicht jede Frage ließ sich im Vorfeld abschließend beantworten. Manche Lösungen entstanden erst beim Fertigen, Fügen und Ausrichten der Bauteile. Der Aufbau wurde damit nicht zur bloßen Umsetzung eines fertigen Entwurfs, sondern zu einer weiteren Phase des Entwerfens. Erst im gebauten Maßstab zeigte sich endgültig, wie sich die Intervention zur bestehenden Ruine verhält – in ihrer Größe, ihrer Nähe zu den historischen Mauern, ihrer Offenheit und ihrer materiellen Präsenz.
BESTAND - INTERVENTION - SCHWERE - LEICHTIGKEIT
Mit Tugurium entstand so keine autonome Architektur, die sich vom Ort lösen lässt. Ihre Wirkung entwickelt sich aus dem Verhältnis zur Beller Kirche: zwischen neuer und bestehender Struktur, zwischen Schutz und Offenheit sowie zwischen der Schwere des historischen Mauerwerks und der Leichtigkeit der neuen Konstruktion.
→ Nicht vervollständigen, sondern das Vorhandene neu erfahrbar machen. Die Intervention versucht nicht, die Ruine zu rekonstruieren oder gestalterisch zu überformen. Mit wenigen präzisen Elementen formuliert sie vielmehr einen neuen Raum innerhalb des Vorhandenen. Erst im Zusammenspiel von Bestand und Intervention entsteht eine neue räumliche Situation, die die vorhandenen Qualitäten der Beller Kirche aufnimmt und zugleich eine gegenwärtige Nutzung ermöglicht.